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"Ohne radikale Selbstkritik gibt es keine radikale Kritik der Verhältnisse"

Dem Revolutionär Dutschke zum 75. Geburtstag

von Carsten Prien

Es sind die ersten Tage des April 1968. Wolfgang Venohr interviewt Rudi Dutschke, in dessen „möblierter Wohnung am Cosimaplatz“, einen „Studentenführer“, der keiner sein will:

„Ich verschwinde in der Versenkung für lange Zeit und arbeite irgendwo im 7., 8. Glied an irgendeiner anderen Bewegung. Wenn man das politisch als richtig erkannt hat, dann kann man so etwas tun, ohne dabei persönlich kaputt zu gehen“. Dutschke will die Personalisierung der antiautoritären Bewegung hintertreiben, sich den Projektion auf ihn entziehen. „Aus diesem Grund will ich die nächste Zeit für einige Monate, vielleicht auch ein Jahr, international arbeiten, um zum politisch richtigen Zeitpunkt wieder hier in den Reihen von euch und an unserer eigenen Revolution weiterzuarbeiten.“

Durchkreuzt wird Dutschkes subversive List am frühen Nachmittag des 11. April: Josef Bachmann, Hilfsarbeiter, mit Verbindungen zur militanten neonazistischen „Braunschweiger Gruppe“ trifft den in der bürgerlichen Presse als „verlauste und verdreckte Kreatur“gehandelten Dutschke, am Kurfürstendamm, nahe dem SDS-Büro, und schießt ihm unter der Beschimpfung „dreckiges Kommunistenschwein“ drei Kugeln in den Kopf. 

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, ...“; nur wenige Wochen nach dem auf Dutschke verübten Attentat – er musste sich, unterstützt durch seinen Freund, den Psychologen Thomas Ehleiter, zäh täglich viele Stunden damit quälen, die durch die Hirnverletzung äußerst eingeschränkte Sprachfähigkeit wieder zurückzugewinnen – versuchte er die elfte Feuerbachthese, jene Quintessenz des Marxismus, zu vollenden.

Doch statt die altbekannte Forderung Marxens zu wiederholen „sie“, nämlich die Welt, zu verändern, unterlief Dutschke eine bemerkenswerte Freudsche Fehlleistung, die wie nichts anderes sonst, in einem einzigen Wort fasslich macht, worin die Bedeutung Dutschkes für die Geschichte des westlichen Marxismus besteht, und dass der „Dutschkismus“ (Günther Bartsch), recht verstanden, eine Revolution in der Revolution selbst darstellt. Dutschke endete den Satz mit den Worten: „...es kommt darauf an s i c h zu verändern.“

Blutige Klassen- und antikoloniale Kämpfe, die gescheiterten und in Restauration umschlagenden Revolutionen, bestialisch-triumphale Konterrevolutionen, imperialistische Weltkriege, und der Siegeszug des europäischen Faschismus, hatten bis dato schon, in der Mitte des, nun vergangenen 20. Jahrhunderts, doch eines unmißverständlich offenbar werden lassen: das Versagen des sogenannten „subjektiven Faktors“.

Dutschke war nicht mehr bereit vor dieser fundamentalen Tatsache die Augen zu verschließen. Der gegenüber vermeintlicher Schwärmerei, und revolutionärer Ungeduld so selbstgefällige „Realismus“ des Taktierens, des Buhlens um die politische Macht, und des Entwerfens der neuen Gesellschaft am Reißbrett - das zu betrachten, man sich doch einbilden muss, außerhalb der alten stehen zu können - er hatte sich als das eigentlich Wirklichkeitsfremde erwiesen.

Seine Organisationen und Strategien waren auf Sand gebaut, seine Siege Pyrrhussiege, weil diese Art von Politik die Menschen nicht nachhaltig ändern konnte, sondern sie weiterhin zu einem Mittel erniedrigte. Dutschke formulierte bündig die Konsequenz: 'politisch' sei nunmehr überhaupt nur zu nennen, was „die daran Beteiligten, innerlich verändere“.

Der „Prozess um die Schaffung von neuen Menschen, die fähig sind, nicht eine alte Clique durch eine neue zu ersetzen nach der Revolution, sondern massenhafte Demokratisierung von unten bürokratischer Herrschaft von oben“ entgegenzusetzen, dieser „lange, lang andauernde Marsch und Prozess“ hat keine schnellen Erfolge vorzuweisen – der „aufrechte Gang“ geht keine graden Wege – dennoch ist nur er „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt".

Dutschke hat dabei die Notwendigkeit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht geleugnet, nie, auch dann nicht als andere Weggefährten bereits ihr eigenes Verrantsein in eine „Krise des Marxismus“ umlogen, aber er erkannte in dem Gedanken, dass der Erzieher auch erzogen werden müsse, nun einmal das einzige Organisationsprinzip, das sich zu Recht marxistisch nennen durfte, und in der Verschiebung der „Kulturrevolution“ auf ein Danach, das was es war: den Abbruch der für die Revolution lebenswichtigen Dialektik von Selbst- und gesellschaftlicher Umstandsänderung.

Wie ein roter Faden zieht sich diese dialektische Einheit durch seine, immer situationsbezogenen, Reden, Artikel, Diskussionsbeiträge und Tagebuch-Notizen, verleiht allen einzelnen Äußerungen Dutschkes Kohärenz; sie glaubwürdig verkörpert zu haben, macht seine Persönlichkeit aus.

„Die Menschwerdung des Menschen als Grundinhalt des realen Prozesses der Geschichte verwirklicht sich in jeder konkreten Individualität und deren Daseinsgeschichte“, der das sagte, war ein unermüdlicher Aneigner seiner eigenen geschichtlichen Voraussetzungen, er durchdrang sie mit seiner Subjektivität, und siehe, der geronnene Widerspruch ward wieder flüssig.

Die Sympathien die breite Teile der Massen, bis hinein in die Reihen der Unpolitischen, dieser Persönlichkeit bis heute entgegenbringen, verrät ein besseres Verständnis für das Verhältnis von Individuum und Geschichte, als jenes der Nenn-Marxisten, die Dutschke eben deshalb beargwöhnten, und ihm neidgeplagt allerlei andichteten.

Denn die Faszination der Person ist zugleich Anziehung, die ein proletarischer Humanismus ausübt, der seit Rosa Luxemburg als politische Tradition der westeuropäischen Arbeiterbewegung, nur wie ein unterirdischer Strom dahingeflossen war und mit Dutschke endlich wieder ans Tageslicht tritt. Der junge József Révai, von Dutschke verehrt, schrieb bereits 1923 in seiner Rezension von Lukacs "Geschichte und Klassenbewusstsein": "Das Proletariat, das durch seine eigene Unmenschlichkeit das Nicht-Sein des Menschen aller Klassengesellschaften begriffen hat, setzt doch irgendwelchen 'seienden' Menschen, d.h. irgendwelchen bloß negativ bestimmten Menschen voraus, zu dessen 'Natur' das Beherrscht-sein durch gesellschaftliche Naturgesetze nicht gehört, dessen Verwirklichung durch das Proletariat das Ziel des Geschichtsprozesses ist, der also als bloßes Subjekt-Korrelat dem Geschichtsprozess als ihm transzendent innewohnend zugeordnet werden muss. Der 'Mensch', nicht der Feuerbachsche, sondern der durch das Proletariat zu verwirklichende, ist ebenfalls Begriffsmythologie. Aber eine unvermeidliche Begriffsmythologie. Sie ergibt sich für den Standpunkt des Proletariats notwendig.“

Carsten Prien ist Autor des in Kürze erscheinenen Bandes Dutschkismus. Rudi Dutschkes politische Theorie. Ousia Lesekreis Verlag, Seedorf 2015, ca.120 S., 10 Euro