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Eine überfällige Aufklärung:

Rudi Dutschke und die nationale Frage


Vortragsveranstaltung mit Dr. Matthias Stangel (Köln)


Freitag, 9. Oktober 2015, 18 Uhr
Schanzenstraße 75, Raum 404 (VHS)

Mit einer Einführung zum Thema 'Die nationale Frage im Kontext der politischen Theorie Rudi Dutschkes' von Carsten Prien

Die Nation ist die verhüllende Einheit des unter ihr verborgenen Klassenantagonismuses, die Ideologie des Klassenstaates. Aber der Nationalstaat ist auch die historische und gegebene Erscheinungsform der Demokratie. Die fortschreitende Entmachtung der Nationalstaaten durch supra- und internationale Institutionen, wie die EU-Kommission, die WTO oder den IWF und bald auch durch 'internationale Schiedsgerichte' im Rahmen täuschend als 'Freihandelsabkommen' bezeichneter Verträge, ist darum zugleich ein Prozess der Entdemokratisierung, der nicht nur vom britischen Politikwissenschaftler Colin Crouch als epochaler Wandel hin zu einer 'Postdemokratie' begriffen wird.

Ist die Verteidigung der nationalstaatlichen Souveränität als Verteidigung der Demokratie eine Aufgabe der politischen Linken?

Unter diesen aktuellen Bedingungen wendet sich der interessierte Blick zurück zu Dutschkes dezidiert linker Problematisierung der nationalen Frage.

 Eine  s o z i a l i s t i s c h e  Wiedervereinigung Deutschlands, für die Dutschke eintrat, hätte die Aufteilung der Welt in die Einflusssphären der Supermächte USA und SU und damit deren Hegemonie unterlaufen, und den Weg freigemacht für einen westlichen, europäischen Sozialismus in der Tradition der bürgerlichen Revolutionen. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, auch weil die deutsche Linke unfähig war, die Dialektik von sozialer und nationaler Befreiung in Ost und West zu entfalten. Die Unfähigkeit der Linken, diese Dialektik zu begreifen, hat selbst ihre Gründe in der deutschen Misere, in der deutschen Geschichte. Dutschkes Position wurde daher und wird immer noch als 'Nationalismus' diffamiert oder als 'Befreiungsnationalismus' missdeutet. Dr. Matthias Stangel hat in seiner quellenfundierten, mit wissenschaftlicher Akribie und Sachlichkeit verfassten Studie „Die Neue Linke und die nationale Frage“ (2013) nicht nur nachgewiesen, dass Dutschke „eben nicht kompatibel mit Entwürfen der politischen Rechten“ ist, sondern – noch weit wichtiger – jene Dimension von dessen materialistischer Beschäftigung mit der nationalen Frage freigelegt, die bei den Aufgaben, die sich der politischen Linken aktuell stellen, nicht weiter missachtet bleiben darf: Dutschkes Rekonstruktion und Konkretisierung des genealogischen Geschichtsbegriffs Marxens. Die Geschichte ist eine Abfolge von Generationen und darin erst eine Klassenkampfgeschichte. Nur wer sich diese Tiefendimension der Geschichte aneignet, zu eigen macht und nicht leugnet, kann auch die sozialökonomischen Strukturen, die Oberfläche der Geschichte, gestalten – mithin wird erst damit im Sinne Rudi Dutschkes „Geschichte machbar“.

Dr. phil. Matthias Stangel (geboren 1978) ist Historiker, Politikwissenschaftler und Projektleiter in der Unternehmensentwicklung (Verlagswesen).

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